Schlagwort: Reflexion

  • Nun bin ich 40…

    Nun bin ich 40…

    …und werde älter
    Ich werde Häuser bauen aus Lehm
    kreisrund

    ich werde
    Flieder schneiden vor den Mauern

    ich werde 
    Ringelblumen in die Erde pflanzen
    auf dass sie blühe

    ich werde Hofherr sein
    meine Last
    mit dem Wandel 
    wenden
    durch das Bruch
    und mich selbst durch Trost befreien…

    (angelehnt an Rose Ausländers „Träume eines Jünglings“)

    Nun bin ich 40. In der vermutlichen Hälfte meines Lebens angekommen. 
    Gefühlt ändert sich mit dem Abreißen eines weiteren Kalendarblatts wenig. Denn das Alter, nicht mehr auf dem Spielplatz toben zu dürfen, habe ich laut „es-ge-be-acht“ mit vierzehn längst überschritten. Größere Einschränkungen sind nicht mehr zu erwarten. Ich bin sehr dankbar all jenen gegenüber, die mich gesehen und begleiten. Und ich rate zur Auseinandersetzung mit dem Begriff „Dankbarkeit“. Ich will hier nämlich im Rahmen eines historisch so wichtigen Momentes nicht ins Floskeln geraten…

    40 Jahre im Einundzwandzigsten

    Im Nest von Löweneltern aufgewachsen, die alles besser machen wollten , die Brut vor allem Übel bewahrend. Utopische Lösungen schaffen. Ein Bauernhof im Knüll als Kommune und freie Experimentierfläche. Schutzbarriere und Mauer vor (kaltem) Krieg, Patriarchat und Ignoranz. Konsumverzicht und Syndikat als Lösungsansätze transportierend – den Mensch im Zentrum sehend. Autarkie und ein bisschen Revolution!
    Doch Kindergeschrei brachte das Bedürfnis nach Rettungsringen. Sicherheiten mussten her. Und Freiheiten begannen zu bröckeln!?
    Eine bessere Umwelt; einen Flicken für das Ozonloch; Antworten auf das Waldsterben; Schutz vor saurem Regen und Abholzung des Amazonas, während wir Rettet die Wale schrien…

    Heute schau ich in die Röhre meiner Waschmaschine aus Südostasien, die geschmiert und gelagert in sich selbst ruht und läuft. Da vergisst man den Schleudergang. Und globale Probleme…

    Aufgewachsen im Anthrozopän

    Polkappen schmelzen, Weltmeere sind nahezu leer gefischt, globales Artensterben – das Ozonloch ist kein Loch mehr – Mikroplastik förmlich in aller Munde und radioaktive Isotope sind neben Glyphosat und weiteren Pestiziden und Mikroplastiken uns alltäglich Begleitende. Unsere Ausscheidungen, unser Kot und unsere Pisse sind vergiftet – Ein fließender Übergang. 
    Der Mensch ist Massenvernichtungswaffe seiner eigenen Umwelt geworden. Ein Virus, dass den Wirt tötet, und nur zum Profit giert… 
    Doch ist das alles so negativ!?

    Einbahnstraße Kapitalismus

    Es gibt viele Verschwörungserzählungen, die hanebüchene Wahrheiten aus den surrealsten Surrealen unserer Ratio wie Sandburgen vor sich auftürmen und Gesellschaften wie Orkanböen im Agrarforst auspeitschen. Doch eine davon scheint zu stimmen: „Geld essen Seele auf“. 
    Das habe ich in meinen 40 Jahren gelernt! Denn wo das Geld sich türmt, sind Verbrauchende vorgelagert. Und Verbrauch verbraucht!
    Geld schafft Ungleichheiten. Sozial. Kulturell. Zwischenmenschlich! 
    Soziale Ungerechtigkeiten nehmen zu und verhindern Teilhabe. An Allem! 
    Zirkus is nich
    Geld ist ein Suchtfaktor, der Menschen blendet und tötet!
    Geld bringt die Macht alles zu kontrollieren. Wahlen und gesellschaftlichen Wandel zu diktieren. Geld schafft Sklaverei und Niedriglohnsektoren – aber alles in allem all die Ungerechtigkeiten unserer Welt: Ausbeute, Diskriminierung, Hass und Angst und Unterdrückung. Bezogen auf Social Media wäre Geld der Mega Ultra Influencer 3000! Und jetzt versteht ihr hoffentlich auch warum Influencende Abschaum sind. 😉 

    All that glitters is gold

    Mittelloser Student in der Blüte seines Glückzustands (foto von Holger Kettner)

    Häuptling Seattle der Suquamish sagte vermutlich mal, dass wir irgendwann feststellen würden, dass sich Geld nicht essen ließe. Ich denke er hat sehr Recht gehabt, falls er das so gesagt haben sollte. Wohlstand und Glück werden oft mit güldenem Glanz umworben und verwechselt. Sie gelten als erstrebenswert und zeigen sich in unseren digitalen Sehnsuchtsorten – den Social Media
    Dicke Autos, dicke Taschen, dicke Ressorts in Dubai, Steak mit Blattgold umhüllt… Dazu dann Trash-TV Entertainment und Milieuschädigung als Voyeurismus. 
    Es bleibt die Leere in den Augen jener, die einsam an der Spitze stehen… 
    Von Leistungsdruck und Einsamkeit drangsaliert und von Sinnleere geplagt. Eine hoch-budgetierte Marketing-Kampagne verkauft das Leiden…

    Das letzte Hemd hat keine Taschen

    Im Hinblick darauf, dass ich – sollte ich nicht vollkommen unerwartet von einem Baum erschlagen werden (wir brauchen in Anbetracht der Tatsache schwindender Baumzahlen eine neue Metapher) – ungefähr die Hälfte meines irdischen Lebens beschritten habe und ich das Glas nun endlich halbvoll vorfinde, vermag ich meinen inneren Kompass zu verstellen und das Ziel neu auszuloten! Es entsteht eine neue Gleichung: Gold/Geld equals Zeit/Glück. Also nicht Geld ist das goldene vom Ei sondern Zeit ist das Glück und die Möglichkeit, solches zu erschaffen! Meine Langeweile ist Humus und Nährboden für Glück und Erfüllung zu wachsen! Denn sie vergolden meine Seele. Diese jene welche eines Tages irgendwohin übergehen könnte. Das letzte Hemd hingegen hat keine Taschen. Genauso wenig wie mein Bitcoin Wallet…

    Ein besonders schöner Zeitmoment

    Daher bleibt mir nur zu sagen: 
    Mehr Mut zu Zeit – der einzig wichtigen Währung unserer Gegenwart!

    Feierlich

    David Dwier

  • Ein bisschen Frieden

    Ein bisschen Frieden

    „Handlungsfähig bleiben“ – Das ist das Credo dieser Tage! Während Krieg und Krisen die Nachrichten bestimmen, gilt es umso mehr Kraft zu tanken, um nicht an seiner eigenen Empathie zu ermüden…

    Wir brauchen Ruhe, wir brauchen Kraft, wir brauchen Erhohlung! Sowie von eigenem Struggle mit Hof und Baustelle, als auch was die weltliche Situation angeht! Was könnte näher liegen, als sich im Garten Rückzugsorte zur Erholung und Genesung zu schaffen!

    Daher haben wir uns einen Strandkorb gegönnt und gleich eine kleine Sandinsel dazu angelegt. Außerdem haben wir diverse Hängematten unter dem Wallnussbaum installiert. Hier sind im Hochsomer 3° Celsius weniger Umgebungswärme… So arbeiten wir weiter an unserem Biedermeyer 🙂
    Gönnt euch etwas Ruhe und Erholung Leute und hört auf zu versuchen, euch diesen ganzen Wahnsinn zu erklären und nach Mustern zu suchen. Derartige Bedrohungen fördern unser Kontrollbedürfnis. Aber manchmal muss man Fünfe einfach mal gerade sein lassen…

  • Zeit – die Kostbare

    Zeit – die Kostbare

    Beständig verfliegt sie, beständig ist sie unpässlich – rückblickend ist sie meist zauberhaft – frontal weiß sie uns zu ängstigen. Doch stetig ist sie irgendwie hyperaktiv verwandelnd und schwer zu fassen. Wie ein kleiner Flummi aus dem Kaugummiautomaten…

    Zeit als Ressource

    Zeit spielt für uns seit Baubeginn eine sehr wesentliche Rolle! Sie ist das höchste Gut – die wertvollste Ressource, um zwischen Berufstätigkeit, zu verrichtender Arbeit, zwischen Vergnügen, zu balancieren! Am Anfang haben wir uns extraordinär auf die Zeit gefreut, die wir mit dem Ausbau, der Sanierung und Renovierung unseres neuen Hauses verbringen würden. Doch nach dem zweiten Jahr begann sich das Blatt allmählich zu wenden. Wir hatten seitdem keine zwei Nächte außerhalb des Hofes verbracht – jedwede freien und Urlaubstage mit Baustelle ausgefüllt – ob mit oder ohne Unterstützung. Unsere Motivation versuchten wir stets durch kleine Erfolge und kurz gesteckte Etappenziele zu erhalten – doch irgendwann schlich sie die Routine und Erschöpfung ein. Anders als bei so manchen Ernüchterungen und bösen Überraschungen. Diese Arschtritte waren bislang eher zusätzlich Motor und Rückenwind. Doch so langsam bäumte sich eine laue Brise als Gegenwind auf.
    ZEIT innezuhalten . ZEIT sich ZEIT zu nehmen . Das Wandern ist des Bauherrns Lust…

    Zeit und Geld

    Pragmatisch gesehen neigten wir dazu, ein so wertvolles Gut wie die Zeit einteilen, rationieren und bewerten zu wollen. Was also kostet die Zeit!? Wir fangen an zu bilanzieren: Eine Stunde Bauschutt umwuchten; Eine Stunde Flächen streichen; Eine Stunde Deckenbalken schleifen; Eine Stunde Strippen ziehen; Wasserleitungen verpressen; Beton gießen; Holz machen; Rasen mähen; Fertiggestellte Räume einrichten – was davon bereitet Freude? Was ist der Zeit Wert!? Was vermag der Physe Zeit zu rauben!? Was stärkt den Organismus!? Was bereitet Spaß und Freude und verlängert die Lebenszeit!? Und was davon könnte durch bare Münze umgangen und verhindert werden – selbstverständlich ohne das Portemonnaie in die Magersucht zu drängen! – Vermutlich die eigene Haltung, der Glaube an die Selbstwirksamkeit und die Wertschätzung der eigenen Resillienz – alles Dinge, die auch genährt und gesäugt und erhalten werden wollen! 

    Dinge verbrennen mit der Zeit…

    Zeit und Gewinn

    Schnäppchen gemacht! Neunzehnprozentmehrwertsteuergeschenkt! Neuer Fernseher im Finanzkauf zinsfrei erzielt! Für drei Jahre weniger zahlen als sonst für vier, aber dafür eben für drei und nicht für 0…“ – Eine klassische Rechnung für potenzierten Zeitverlust. Klingt wie ein Deal der grauen Herren, würde Momo sagen! Und letztlich zahlen andere den Aufpreis für unseren Zeitvorteil. Kennen wir schon…
    Dafür gehen wir sonst auch arbeiten: um uns Zeit zu kaufen, die wir längst verloren haben! Bleibt nur den besten Deal zu machen und gut bei weg zu kommen! Zeit ist Trumpf!

    Zeit und Relation

    Die Pandemie zeigt uns, dass Zeit von heute auf morgen unbedeutend sein kann, wenn sie uns in einem Augenaufschlag davon rauscht und sich mit der Endlichkeit relativiert. Dann löst der Airbag in Millisekunden nicht aus und wir steuern gegen Null.
    Sehen wir diesem Ende unserer eigenen Zeit ins Auge, starren wir in ein tiefes schwarzes Loch. Ohne Antwort, ohne Idee, ohne Erklärung und Bestimmung. Ins Nichts. Jede Sekunde kann über Jahrzehnte entscheiden. Unendlichkeit wird plötzlich unendlich schnell belanglos und relativiert – Zeit ist relativ. 
    Da können wir Tage, Monate, Jahre aufgebaut und kreiert haben und alles fällt mit einer Welle, wie eine Sandburg am Strand von Hiddensee…

    Hauptsache die Wäsche ist gemacht… 

  • Freeling-Feelings

    Freeling-Feelings

    Frühling ist ne feine Sache! Erst recht wenn der Winter sehr winterhart und langwierig ausfiel. Nach der umkleidenden Stille und dem Stillstand beliebt es den starren Mantel abzuwerfen. Also erstmal zur Tanke und dem Nissan eine Autowäsche gönnen! Mit Lotuseffekt versteht sich. Denn der Frühling hat begonnen und wir sind alle eins mit unseren euphorischen Gefühlen! Gefühle sind unser Hobby. Und wir nehmen Fahrt auf! Wie die kleinen kitschigen Knospen an den Bäumerlienchen…

    Ein mancher Aspekt der Zerstörungswut mag sich manifestiert haben. Aber darüber stehen die neuen Blüten und Gewüchse die den Morast des Vorjahres umsäumen und überwuchern. Es geht nach Vorne und der diesjährige Frühling wird der Erste seiner Art sein, der die Stufen legt für einen Neubeginn und einen Wandel. Wir sind verflochten und beginnen uns Einheimisch zu fühlen. Die Dinge die Fehlen werden weniger. Unser Heimathafen wird zu einem Bahnhof. „Ein Kommen und Gehen, ein Kommen und Geh’n…“ sang Udo. Und die Linde beginnt zu blühen…

    Bildquelle: Artikel aus der MOZ (link) vom 09.03.2019 „Aussteiger mit eigenem Internetblog“ mit freundlicher Genehmigung von Cornelia Link-Adam.

  • Ja(hr) Zwo

    Ja(hr) Zwo

    365 Tage sind in einem Atemzug vergangen. Heute beginnt Jahr Zwei. War alles nicht so leicht. Aber es geht voran…

    Wir haben Berge versetzt (Schuttberge), haben die Dächer der Welt getragen (unseren Dachstuhl), waren und sind der Mörtel, der unser Heim und die Grundfesten unserer Welt in sich zusammenhält, sind der Tapetenkleister, der uns versucht hat aufzugeben, und der uns triumphieren ließ. Dazwischen der Sonnenuntergang über der freien Mark, frei von Plattenbauten und Stahlgeflechten, frei von Asphaltliebe – rauem Stahlbeton und Graureif – wir haben Raureif auf der Wiese, sattes Grün und Vögelgedöns im Wald, Einöde und Nichts, Prärie und Steppe – und doch so viel Stress und Chaos um uns! Wir bandeln mit den Jahreszeiten und wandeln mit den Bausorgen. Unser Steinobst ist frei von Würmern und Maden, doch in so Einigem bleibt der Wurm drin! Es ist und bleibt doch alles ambivalent. Aber bereuen tun wir nichts… Es war ein stürmisches Jahr – aber es wird besser!

    Jahreszeiten

    Gerade noch haben wir ein Haus gekauft, den Umzug gewuppt, sind auf Unzulänglichkeiten und spezielle Herausforderungen gestoßen, haben den ersten düsteren Brandenburger Winter erlebt, bis uns die ersten Schneeglöckchenin die Realität zurückholen durften und wir unsere Tomaten in Hochbeete pflanzten. Dabei schwankten die Abundanzen um einen festen Mittelwert, während vieles hier etwas intensiver und eindringlicher zu sein scheint – vielleicht auch, weil das grundsätzliche Erregungsniveau kurz vor der Kulmination steht!
    Wir leben intensiver mit den Jahreszeiten. Sie sind hier mehr zu spüren. Und sie haben Auswirkungen auf unsere Planung und den Bau.
    Durch unseren Garten bestimmen sie auch unseren Alltag: Aussaat und Ernte sind nach den Jahreszeiten zu richten. Im Frühjahr müssen Beete angelegt werden. Im Sommer dürfen keine Hecken geschnitten und Bäume gefällt werden. Im Herbst muss geerntet sein, bevor sich die Vögel alles holen – und bei Frost lässt sich eben kein Zaun streichen oder Beton gießen. Dafür muss im Winter das Nest witterungsfest sein und der Heizkreislauf funktional. Eigentlich alles selbstverständlich, doch in der Mietwohnung in Berlin, hat man solche Vorgaben weniger gespürt. Jahreszeiten verpflichten – aber sich nach ihnen zu richten – kann auch sehr schön sein! Alles hat wie immer zwei Seiten (Oder Petra!?).

    Die schönen Dinge und kleinen Erfolge

    Zu den schönen Dingen gehören das Land und das Neue und die Neugierde und die Sehnsucht und die Luft und das Nest. Zu den schönen Dingen gehören das Möbelbauen, das Experimentelle, das Versuchen und Ausprobieren, das Schaffen mit Werkstoffen, die schon da waren und kein Geld kosten – wo ein Scheitern keine Konsequenzen hat. Zu den schönen Dingen gehören, dass Anpflanzen, dass Ausbrüten, die Dinge wachsen zu sehen und Zeit zum Verweilen zu finden. Zu den schönen Dingen gehören die Dinge, die abgeschlossen werden und man einen Haken hinter machen kann!
    Und natürlich zählen zu den schönen Dingen der Besuch von Freunden, Familie und Familie – die Gewissheit – dass es helfende Hände da draußen gibt – die trotz ihres Alltags die Zeit finden, uns zur Hilfe zu eilen! Und die gemeinsamen Spaziergänge und Abende am Lagerfeuer mit eben solchen. Begegnungen zählen viel! So auch die Begegnungen mit neuen Nachbarn und Freunden – die Rückmeldungen auf dem Blog und auf Instagram – das alles bekräftigt uns sehr und tut uns sehr gut! Vielen, vielen Dank dafür! Ihr gebt uns Kraft!

    Umstellungen

    Wir erwähnten es bereits: Zeit; Jahreszeit; Wandel; und die witterungsbedingten / jahreszeitlichen Veränderungseinbußen auf dem Lande (wieder-) zu erleben und genießen zu lernen! So wie hier der Flieder im Mai durchschlägt und mit Blüte und Duft verzaubert und seine Zeit benennt, macht die Tanke um 18:00 zu und es gibt kein Bier mehr! Um zum nächsten Supermarkt oder Bahnhof zu gelangen, braucht es ein KFZ, während sich besondere Besorgungen nur noch übers Internet realisieren lassen! Genau so verhält es sich mit Kultur und geselligem Zusammensein: Hier gibt es weder dutzende Kiezkneipen noch jeden Abend eine Lesung / ein Konzert / eine Vernissage! Wo vorher eine Übersättigung war, tritt jetzt ein Durstgefühl an dessen Stelle! Sich auf den Weg zu machen und spannende Dinge für sich zu entdecken – aktiv zu werden – ist aber allemal schnieker, als stetig alles vorgesetzt und vorgekaut zu bekommen! Das ist ein alter Zeitgeist – sich über Musik und Kunst austauschen zu müssen – anstatt alles automatisiert durch Algorithmen vorgesetzt zu bekommen! Willkommen in den 90ern :-).

    Dinge mit Verbesserungspotential

    Geld – Mobilität – Zeit – Interaktion – Gesellschaft – Weltfrieden.
    Bei diesen Punkten ist natürlich immer Luft nach oben!
    Zu den unschönen Dingen in unserem ersten Jahr zählen in erster Linie, dass in diesem Jahr kaum Zeit und Raum für die schönen Dinge blieb!
    Wir haben wirklich jede freie Sekunde genutzt, um mit unserem Projekt weiterzukommen! Wir haben unsere Urlaube und Wochenenden verheizt, jeden Brücken- und Feiertag verplant, um bloß keine Zeit zu verlieren und voran zu kommen! Wir haben uns unter unfassbaren Druck gesetzt – obwohl das Kernziel die Stadt zu verlassen, die Entschleunigung war! Woher rührt also dieser selbst auferlegte Druck!?
    Nunja, dafür gab und gibt es wohl mehrere Gründe!

    Der vermutlich Wichtigste: nicht noch einen weiteren Winter in einem dreckigen, verstellten und beengendem Provisorium verbringen zu müssen! Stattdessen tiefenentspannt vor dem Kamin auf dem Sessel flätzen oder auf dem Sofa vor der der Glotze die letzte Staffel Game of Thrones in aller Entspanntheit genießen zu können! Und die Kapazität zu besitzen, Freunde oder Familie einladen und empfangen und ihnen einen Esstisch und ein Bett anbieten zu können! Denn glaubt uns, der erste Winter war sehr, sehr einsam zwischen unseren Kartons – und das trotz der vielen Haustiere!
    Nachdem im Frühjahr dann die Grundvorraussetzungen für Besuch geschaffen waren, sollte nämlich der gute Rainald Grebe rechtbehalten: Dieser sang in seinem Lied Aufs Land „Doch meine Freunde aus der Stadt, die kommen nicht“. Ja warum muss er denn Recht behalten, der weise alte Sack!? Also darum ging es primär: Raum für Gäste zu schaffen und unseren Hof für diese attraktiv zu machen…

    Der zweite Druckfaktor entsprang der Arbeitssituation: Während Susan weiter nach Berlin pendelte – von Ersatzverkehr und Zugausfällen gänzlich der Vorstellung eines Berliner S-Bahn-Nutzenden gepeinigt – habe ich mit nur 3 Werktagen und einem 24 Stunden-Vertrag mehr Zeit für die Ausübung meiner Tätigkeit als Bauherr aufbringen können. Das erzeugte natürlich finanziellen Druck, ersparte uns durch die Möglichkeit der Eigenleistung aber auch den ein oder anderen Taler. Doch so sehr mir die Rolle als Bauherr auch Spaß bereitete, hat mich die damit einhergehende Verantwortung auch ganz schön mitgenommen. Auch das Gefühl über fremde Gelder zu verfügen, war für mich sehr befremdlich. Im Endeffekt lief es nämlich so, dass ich mit Handwerkern verhandelte, Alternativen aus dem Internet rechererchierte, meine Erkenntnisse dann mit Susan teilte und sie Zahlung leistete. Als Geldgebende möchte man natürlich Kontrolle und Sicherheit, und als Empfänger und Bauverantwortlicher, möchte man nicht sich nicht verkalkulieren oder enttäuschen. Diese Vermischung verschiedener Rollen, war für uns beide nicht einfach und stoß auch manches mal in der Diskussion mit anderen auf Unverständnis („Was der Bauer nicht kennt…“), weil es gesellschaftlich dann doch nicht so akzeptabel ist, dass die Frau die Kröten nach Hause bringt und der Mann sich ums Nest kümmert. Uns war also klar, das auch dieser Zustand nur ein Provisorium darstellen könnte und so hab ich mich ab September für eine Vollzeitstelle verpflichtet. Davor ging es natürlich ebenfalls darum, möglichst viel wegzuarbeiten, so lange noch mehr Zeit zur Verfügung stand!

    Beim dritten Faktor wären wir bei einer Vermischung der ersten beiden Aspekte: Es ist der Druck, den man von Dritten adaptiert!
    Da geht es darum, es anderen Recht machen zu wollen und diese zu comforten (es gibt irgendwie kein besseres deutsches Wort dafür). Wie man als 10-Jähriger auf Klassenfahrt im Bus mit einer Tüte Chips versucht die Meute um den Finger zu wickeln, oder mit 12 als Nichtraucher auf dem Schulhof mit einer Packung Kippen in der Jacke um den Raucherfreunden stets eine anbieten zu können um diese wirbt, so ging es bei uns vielleicht auch schlichtweg darum, sich Anerkennung zu erkaufen und die Leute anzulocken! Deshalb wollten wir schnell klar-Schiff-machen und der Unterkunft ein paar Sterne schaffen. Vielleicht auch, weil manche meinten, sie kämen gerne zu uns aufs Land, sobald denn alles fertig sei und man komfortabel und vernünftig hier hausen könnte. Diese Betretenheit und Betroffenheit nach einem solchen Dialog, hat sich nun nach totaler Verausgabung auch endlich in ein wohlgefallenes Fuck You entladen! Da ist die nötige Befreiung – den Hammer an den Nagel zu hängen – fünf gerade sein und die Seele baumeln zu lassen! Und dabei kann man es belassen!

    Zukunft

    Altes stirbt und Neues entsteht! Und dabei lernen wir gerade wunderbare und wertvolle Menschen kennen und schätzen, die unserer Reise folgen, sich inspiriert fühlen, denen wir etwas geben können, und die uns etwas (mit-)geben und wir symbiotisch etwas zurückgeben! Interesse, Austausch, Dialog und Begeisterung – darum geht es doch schlussendlich! Und wenn die Zeit kommt, wird das gebührend gefeiert! Bis dahin legen wir Hand an…

  • David macht Land

    David macht Land

    Heute ist mein Geburtstag! Zeit zu reflektieren, was mich persönlich bewog, die Stadt zu verlassen…

    Es ist 08:42 am 12. November 2017. Vor 35 Jahren erblickte ich das Licht der Welt. Geburtstagen obliegt oft eine gewisse Schwermut. Es geht ums Älterwerden. Eigentlich etwas, das man nicht gerne feiert. Blickt man dem Teufel dann ins Spiegelbild, lässt sich die eigene Vergänglichkeit für diesen Augenblick auch nicht mehr wirklich verdrängen. Trotzdem wagt man einen Aus-, Fern- und Rückblick – dreht sich gerne und schnell um sich selbst – und versucht sich im Angesicht des Welkens an Erklärungen. Hier ein friedvoller Versuch…

    Wo Licht da Schatten

    Gut behütet auf dem Land erwachsen – zwischen bunten Wiesen und Feldern, inmitten der Jahreszeiten geerdet – habe ich meine ersten Jahre im Einklang erlebt. Dann kamen das Fernweh, die Lust nach Abenteuer, und die Großstadt. Der Tumult und die Vielfalt – und alles in rauen Massen – prägten eine abenteuerliche Reise. Auf anfängliche Euphorie und Begeisterung folgten Orientierungslosigkeit und Verlust. Die Komplexität war für mich nicht mehr greifbar. Ich fühlte mich nicht mehr Teil dieses urbanen Netzwerks, sondern wie ein kleiner Fisch in trüber Pfütze. So trüb, dass mir die Weitsicht fehlte. Im Schatten dunklen Wassers näherte sich ein Ungeheuer und nahm mir Luft und Raum. Überall musste ich mich fürchten und hyperventilierte viel darüber nach, was dieses Ungeheuer wohl antrieb, mich heimzusuchen. Überrumpelt fasste ich den neuen Plan, mich beruflich zu verwandeln…

    Nähe und Distanz

    Empathie und Einfühlungsvermögen attestierten mir die Eignung als Pädagoge. In inniger und vertrauter Bindung schaffte ich den Spagat zwischen menschlicher Nähe und professioneller Distanz. Doch leichter wird die Arbeit dadurch nicht: Den Trägern fehlen Finanzmittel und Personal, was sie zur Ausbeutung ihrer Mitarbeiter zwingt, denn die Politik schüttet gerade so viel Geld aus, um eine Gouvernementalität zu sichern. Diese prekären Arbeitsbedingungen als Rahmen für die Arbeit mit traumatisierten Jugendlichen hatten noch einen weiteren Effekt: Ich konnte mich rational von den Erlebnissen meiner Klienten abgrenzen, in meiner vom Unterbewusstsein diktierten Alltagsrealität jedoch nicht. Ich beobachtete, wie sich mein Habitus veränderte. Hass und Gewalt gaben mir ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Und so fiel mir eines Tages auf, dass ich beim Wandern durch die Stadt nur noch auf den Boden schaute. Plötzlich war die lang ersehnte Nähe zu den Dingen und zur Welt zu nah und groß geworden…

    Konsumensch im Hamsterrad

    Medienkonsum prägt und die Sozialen Netzwerke sind voll von Hass, Gewalt und Werbung. So viel Werbung für so viele tolle Sachen, die wir alle unbedingt brauchen oder brauchen sollen! Auf Blogs, YoutubeInstagram und Facebook  werden Leute zu Influencern gemacht, um Content zu produzieren, der Kaufanreize bietet. Und dann diese überfüllte und übersättigte Stadt, in der es kaum noch Freiräume gibt, selbst zu produzieren: Kino, Theater, Konzert, Kneipe, Restaurant. Immer Maul aufhalten, rumsitzen, fressen und Geld ausgeben! Und um das zu verdienen, muss man seine Zeit opfern. Und dann kommt nach dem Konsum wieder diese Leere, die gestopft werden will, die man dann am Besten mit Konsum füllt. Aber eigentlich wollte ich schon immer mehr Produzent sein und mehr erzeugen, als ich nehmen könnte. Etwas da lassen, was diese Welt ein Stück besser machte. Es fehlten ein Acker und ein Beet, wichtiger Nährboden, und natürlich Luft und Licht. Und die eigene Zeit, die man dem Samenkorn zugesteht, um es wachsen zu lassen…

    Mut zum Alter

    So wie alles reifen muss, reifte auch die Überlegung, der Großstadt den Rücken zu kehren. Am Anfang stand die Sehnsucht nach mehr Luft und Raum und paarte sich allsbald mit der Angst vor Stagnation und Altertum: War man wirklich schon so weit, dem bunten Treiben der Metropole den Rücken zu kehren? War man schon so übersättigt und abgegessen, so ausgebrannt und schwergängig? Und so stellte sich mit dem Vorhaben der Stadtflucht auch ein Gefühl des Alterns ein. Denn wenn man beschließt, die Zelte abzureißen und woanders ein Haus zu beleben, hat das etwas von Endgültigkeit und finalem Ankommen. Hier wird man alt werden und irgendwann mal sterben wollen. Diese ohnehin unabwendbare Etappe des Vergehens wird einem ins Bewusstsein gespült und rückt damit unweigerlich ein Stückchen näher.
    Diese Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit wird durch die älteren Menschen auf dem Dorfe nicht geschmälert werden! Denn anders als die Großstadt, die für Alles, das ängstigt, unbehaglich fühlen lässt oder ablehnbar erscheint, Ausweichsmöglichkeiten bietet, lässt sich auf dem Land nicht so einfach eine Parallelwelt installieren. Hier wird man die Komfortzone verlassen müssen…

    Mut zur Lücke

    Ich habe in Berlin viele Menschen getroffen, die stetig unzufrieden oder rastlos erschienen, die sich dauerhaft abzulenken versuchen und sich selbst hinterhereifern müssen. Da ist die Angst, etwas zu verpassen und die Angst, Zeit zu vertun. Da ist die Angst, nicht effizient und vielseitig genug zu bleiben und die Angst, den Sinn nicht zu entdecken. Und alles nagt von unten an der Oberfläche…
    Ich selbst bin oder war einer dieser Menschen. Wie werde ich diesen Raum füllen, der sich plötzlich auftut und durch’s Nichtstun entsteht!? Kann ich es wieder erlernen, innezuhalten und auszuharren? Was wird in mir passieren, wenn mich die Einsamkeit und Stille auf mich selbst zurückwirft? Für mich bedeutet das Land und die Weite auch die Konfrontation mit mir selbst! Ich freue mich zu wachsen!

    Verzicht als Gewinn

    Auf einem Blog zum Thema Urban Gardening stieß ich auf ein Foto, das aus dem aktuellen Ikea-Katalog hätte sein können. In diesem sitzt die Autorin in ihrem Sessel und schaut sehnsuchtsvoll mit einer Kaffeetasse in der Hand zum Fenster. Die Bildunterschrift: „Kaffee genießen aus handgemachter Tasse von XY, nachdem ich meine Pflänzchen in die Blumentöpfe von XY gepflanzt habe. Ein erfolgreicher Tag geht zu Ende!„. Selbstverständlich waren alle Produkte zu einem Amazon Artikel verlinkt. Diese Frau musste eine schlichte Tasse für 35€ kaufen oder für einen aus Beton gegossenen Blumentopf 25€ bezahlen, um einen Erfolg zu verspüren.
    Ich stelle mir vor, wie ich diese Tasse mit eigenen Händen aus dem Ton forme und mir einen Blumentopf aus Beton gieße – für zwei Stunden meiner Zeit und Zweimarkfünfzig… Das ist ein erfüllter Tag! Und auf diese Tage freue ich mich!

    In diesem Sinne, euch allen einen schönen Tag!

    David